Bibel und Babel

Brigitte Kahl, 18. Januar 2023
Neue Wege 1/2.23

Der Gott der Bibel ist anders als die Götzen der imperialen Grossreiche. Die Bibel beschreibt einen Gegenstrom, sie erzählt von Fluchtbewegungen fort von den auf Gewalt gegründeten Zivilisationen. Und sie hält die grosse Transformation offen, den Sprung der Weltgeschichte über Babel hinaus.

Bibellesen, so oder so, ist immer die Konfrontation mit Babel, auch Babylon genannt. Das Sündenbabel in der Offenbarung am Ende und die babylonische Sprachverwirrung am Anfang. Dazwischen und allgegenwärtig eingeschrieben in den Stoff der Erzählung: das babylonische Exil. Schon im Anfang ist das Ende präsent mit dem Turmbau zu Babel (Genesis 11). Etemenanki heisst übersetzt «Haus der Grundfeste des Himmels und der Erde» und will der höchste und heiligste Grossbau der Menschheit sein, mit dem Babylon sich im 6. Jahrhundert vor unserer Zeit zum Nabel der Welt macht. Sein Erbauer, der babylonische König Nebukadnezar II., hat 586 v. u. Z. Jerusalem und den Tempel in Schutt und Asche gelegt, das Volk ins Exil verschleppt und damit vor dem Richterstuhl der Geschichte einen unwiderlegbaren Beweis geliefert, auf wessen Seite die stärkeren Götter stehen. Gut möglich, dass auch exilierte und fronpflichtige Judäer Zwangsarbeit als Turmbauer zu leisten hatten. Wenn man die Ziegel brennen und in glühender Sonne herbeischleppen muss, nie schnell genug unter der Knute der argusäugigen Aufseher, bekommt man einen anderen Blick für die Monumentalarchitektur der Zivilisation. Und die Frage, ob Gott immer «oben» ist, an der Spitze der Tempeltürme und Machtpyramiden, wird zur Überlebensfrage. Das babylonische Exil war einer der Schlüsselmomente in der Herausbildung der «anderen» Geschichte der Menschheit, in der es einen Gott an der Seite der Schwachen, der Versklavten, der Besiegten gibt. Der EINE Gott, der anders ist als die Götzen der imperialen Grossreiche, die sukzessive fallen und wieder auferstehen in immer neuen Metamorphosen der Macht.

Gegen die Sogwirkung imperialer Zivilisation

Auf das babylonische Imperium folgt das persische, das 539 v. u. Z. den Israelit*innen die Heimkehr und einen neuen Tempelbau gestattet, allerdings unter strenger Supervision. Zweihundert Jahre später, als der grosse Alexander 323 im Finale einer beispiellosen Militärkampagne in Babylon stirbt, ehe er es zur Hauptstadt seines neuen Weltreiches ausrufen kann, sind seine rivalisierenden Erben am Zuge. Zuerst die Ptolemäer und dann die übergriffigen Seleukiden, die den Tempel und das jüdische Volk mit dessen hinterwäldlerischem Gott in den Kulturraum des Hellenismus integrieren und endlich «zivilisieren» möchten. König Antiochos Epiphanes IV. nennt sich Gott und verlangt kultische Verehrung. Das biblische Buch Daniel setzt sich mit der Megalomanie der Macht und ihrer Gier nach Selbstvergöttlichung auseinander. Unter dem Codenamen «Aktion Nebukadnezar» inszeniert es ein antiseleukidisches Widerstandsdrama in mehreren Akten auf der fiktiven Bühne des babylonischen Königshofes in der Zeit des Exils. Babel ist nun zum biblischen Oberbegriff für das Imperium aller Couleur geworden, das sein eigenes Menetekel nicht lesen kann: die Schrift an der Wand, die punktgenau sein Ende verkündet (Daniel 5).

Aber da steigt schon Rom auf, das Tier aus dem Abgrund, unbesiegbar und unüberbietbar in seiner Macht. Ein zweites Mal werden im Jahre 70 u. Z. die Mauern Jerusalems geschleift, versinken die Stadt und der Tempel in einem Albtraum an Blut, Gewalt und Zerstörung. Der Lebensnerv der biblischen Erzählung scheint endgültig abgeschnitten. Und doch: Alle Schriften von Matthäus bis Offenbarung sind posttraumatische Redeversuche, die neu um Worte für die Geschichte des Messias Jesus, der Propheten und der Thora ringen, nachdem alles am Ende zu sein scheint. Nur Paulus schreibt vor der Katastrophe, und seine grenzüberschreitende Mission einer Völkerverschwisterung «von unten» könnte der gross angelegte Versuch gewesen sein, sie zu verhindern. Aber Rom hat gewonnen. Militärisch, ökonomisch und ideologisch. Seine Anziehungskraft ist unwiderstehlich – die «Hure Babylon», wie sie obszön die Macht ihrer Reize ausspielt. Die Welt ist ihr verfallen mit Haut und Haaren, bis in den Untergang. Aus den Trümmerfeldern einer dystopisch gewordenen Erde steigt die Leichenklage über das gefallene Weltimperium mit dem Rauch der Brandstätten in einen bleiernen Himmel (Offenbarung 17–18).

Vom Anfang der Menschheit im Buche Genesis bis in den apokalyptischen Abgrund ganz am Ende zieht sich durch die biblischen Texte die Sogwirkung imperialer Zivilisation, immer im Gegenstrom mit einer grossen Fluchtbewegung fort von den Prunkbauten der Macht. Abraham und Moses. Die Rufer in der Wüste. Die Hoffnung auf eine andere theopolitische Ordnung. Das gelobte Land. Das Reich Gottes. Der neue Himmel, aber vor allem die neue Erde. Und schliesslich die grosse Transformation: der Sprung der Weltgeschichte über Babel hinaus am Ende der Zeit.

Auf Distanz zur Zivilisation

Aber dort, wo die Bibel endet, hat sie auch begonnen. Immer wieder hat man den Turmbau zu Babel mit Nimrod verbunden, dem mythischen Ahnvater des Imperiums: ein gewaltiger Jäger und Krieger vor dem Herrn und «der Erste, der Macht gewann auf Erden» (Gen 10,8–12). Ein unermüdlicher Städtebauer auch, dessen politische Herrschaftsambitionen sich zunächst in Babel materialisieren und dann übergreifen auf den gesamten mesopotamischen Raum. Auch wenn es dieses nimrodianische Superimperium zwischen Euphrat und Tigris historisch nie gegeben hat, es ist metahistorisch eingeschrieben in die Topologie Mesopotamiens, das Land «zwischen den Flüssen» – heute Irak –, wo wir einen der Ursprungsorte der menschlichen Zivilisation ansiedeln.
Die Zivilisation. Alles, was wir daran lieben: die Dusche am Morgen, die ergonomische Matratze für die Nacht, gut funktionierende Wassertoiletten und öffentliche Dienste. Steckdosen, die Strom liefern, und Heizkörper für die Wärme. Kultivierte Zeitungslektüre beim Frühstück. Das Internet. Häuser auf dem Trockenen und ohne Bombeneinschläge im Dach. Züge, die fahren. Eingespielte politische und soziale Apparate. Kunst und Kultur. Das alles vor und inmitten einer eindrucksvollen Naturkulisse. Zum Beispiel der Alpen.
Und die Bibel? Es ist nicht so, dass die Bibel keine grossen Bilder vom «guten Leben» hätte. Manchmal schwelgt sie regelrecht darin, beispielsweise in Deuteronomium 28,3–14. Essen und Trinken und Erfreuliches im Kleinen und Grossen gibt es da allemal und zuhauf. Aber dennoch bleibt sie auf Distanz zu dem, was wir gemeinhin «Zivilisation» nennen und unter keinen Umständen gegen «Barbarei» eintauschen möchten. Genauer gesagt, sie steht mit einer Zivilisation auf Kriegsfuss, deren Kehrseite sie zu genau kennt, um sie zu glorifizieren: die Zivilisation des Imperiums.
Wissen ist Macht, sagt die Schlange am Baum der Erkenntnis in Genesis 3. Wissen macht mächtig wie Gott. Die Menschheit ist im Zwiespalt. Bild Gottes ist sie und einmal zum Beherrschen der Erde (Genesis 1,26–28) und dann wieder zu ihrem Dienst und Schutz (Gen 2,5.16) bestimmt. Warum dienen, wenn Herrschen eine Option ist? Wie ein roter Faden zieht sich durch die biblischen Erzählungen der Konflikt zwischen Machtgebrauch und Machtmissbrauch, Dienen und Versklaven, Behüten und Ausbeuten von Erde, Mitmensch und Mitgeschöpfen.

Kain ist zur Aggression geboren

Aber wir haben von der Geschichte Evas, die hier beginnt, nur die eine Hälfte gelesen, weil wir sie am Pranger der Weltgeschichte unter dem paradiesischen Apfelbaum in Genesis 3 haben stehen lassen. Die Frau, die die Sünde in die Welt brachte, das malum, was auf Lateinisch sowohl Apfel als auch böse heisst. Das war einfach zu gut, um die ganz andere Wendung zur Kenntnis zu nehmen, die Evas Geschichte am Ende nimmt. Babel kommt erst jenseits von Eden zur Welt, mit Kain, dem ersten Menschenkind, das als Herrenmensch geboren wird: «Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN», verkündet Eva voller Stolz (Gen 4,1). Der Erstgeborene der Menschheit ist der Mann, der laut Gesetz zur Herrschaft über seine Brüder (und Schwestern) und zum doppelten Erbe bestimmt ist (Deuteronomium 21,15–17). Kains Name enthält im Hebräischen Beimengungen von Aneignung, Besitzerwerb auf der einen und Eisenbearbeitung auf der anderen Seite. Und daneben gibt es noch den kleinen Bruder Abel, den Nachgeborenen (Gen 4,2), offenbar keiner besonderen Erwähnung wert. Sein Name bedeutet nichts als Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit. Mit der Geburt der ersten zwei Menschen kommt auch die Ungleichheit auf die Welt.

Mit Kain, der sich bald als untauglich für den Ackerbau erweisen wird, nimmt seinen Anfang, was in unseren Bibeln oft eine besondere Zwischenüberschrift als «Beginn der Zivilisation» erhielt. Wenn Zivilisation Babel bedeutet und imperiale Erdbeherrschung, dann ist das sicher richtig. Kain ist der Erfinder einer Religion, die mit Mord und Totschlag einsetzt. Als erster Mensch bringt er Gott ein Opfer dar und erwartet, verständlicherweise, positives Feedback. Aber sein Opfer wird von Gott nicht angesehen, stattdessen das Opfer Abels. Warum hält sich Gott nicht an die Spielregeln der Macht, nach denen Gott «natürlich» auf der Seite der Starken ist, und vor allem auf der eigenen Seite, der Seite Kains? Was soll Kain anfangen mit einem Gott, der sich eigenwillig mit dem Hintangesetzten und Benachteiligten verbündet? Kain-der-Mann weist daraufhin Gott-für-den-Bruder in die Schranken, indem er den Bruder tötet. Damit wird Kain zum ersten Priester am Altar einer Zivilisation, die vom Opfer der Kleinen und dem Blut der Schwachen stark und gross werden und sich an der Ausschlachtung der Erde mästen wird. Der erste Mord der Menschheitsgeschichte liefert das komprimierte Drehbuch für die Religion, Politik, Ökonomie und Ökologie «Babels» in ihrer Urfassung.

Während das Blut Abels aus dem Mund der Erde zu Gott schreit, steht die Erde selbst auf gegen Kain und verweigert ihm ihre Fruchtbarkeit (Gen 4,10–12). Aber der Fortschritt ist dennoch unaufhaltbar. Verjagt vom unbebaubar gewordenen Ackerboden, wird Kain zum ersten Stadtbauer, und seine Abkömmlinge erfinden nacheinander die domestizierte Tierhaltung der nomadischen Zeltbewohner*innen, die Musik und die Metallbearbeitung (Gen 4,17–22). Leider auch das Patriarchat und den Krieg. Lamech, Kains Ururenkel, zitiert seine beiden Frauen herbei, um ihnen ein Programm schrankenloser Massenvergeltungsschläge gegen unbotmässige Männer und Kinder zu verkünden. Das siebenfache Schutzzeichen, das Gott einem verletzbar gewordenen Kain nach seiner Exilierung gewährte (Gen 4,13–15), wird von Lamech umgemünzt in 77-faches Angriffsrecht, das nur mehr fadenscheinige Begründungen braucht, um die Aggression als angebliche Verteidigung auszugeben. «Einen Mann erschlug ich für meine Wunde, und einen Jüngling für meine Beule. Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal» (Gen 4,23–24). Der planetarische Genozid wird hier schon vorgedacht.

Der Krieg, unabdingbare Existenzform des Imperiums, ist damit aus der Taufe gehoben. Lamechs «Schwertlied» hat seine materielle Basis in der Schmiedekunst seines Sohnes Tubal-Kain. Dieser hat im Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit die neue Technologie der Metallbearbeitung zu meistern gelernt, die bessere Werkzeuge und auch bessere Waffen verspricht (Gen 4,21). Und der Mythos von Kain liefert die ideologisch-religiöse Ermächtigung. Dass Kain nach dem Mord an Abel letztlich doch mit dem Leben davonkam und prosperierte, von Gott selbst geschützt durch ein besonderes Tattoo – macht ihn das nicht zum Urbild aller erfolgreichen Staats-, Wirtschafts- und Kulturgründer? Survival of the fittest, das Überleben der Starken, Rücksichtslosen und Kompetitiven ist das Zivilisationsmodell im Zeichen Kains, das ohne den Krieg und harte Machtpolitik nicht auskommen kann.

Aber schon da gibt es einen grossen Haltepunkt – meistens überlesen und zur quellenkritischen Fussnote geschrumpft. Die Erzählung stoppt auf einmal und rekonfiguriert sich auf dramatische Weise (Gen 4,25–16). Eva, die «Mutter allen Lebens», hat ein narratives Comeback und schreitet ein in den Gang der Geschichte, die sie ausgelöst hat. Sie wird zur Gegenstimme und Gegenkraft, indem sie herausschreit, was bisher nur die Erde zu Gott geschrien und niemand in all dieser Zeit gehört zu haben schien: dass Kain kein Held, sondern ein Mörder ist, der seinen Bruder Abel erschlagen hat. Und dass Gott Abels Fürsprecher ist, der für ihn einsteht und ihr darum einen dritten Sohn gegeben hat. Seth ist der Mensch «für Abel», der eine andere Menschheit und Zivilisation anders verkörpert: der Mit-Mensch, die Pro-Existenz für den Bruder, mit dem Abel in die Geschichte zurückgeholt wird. Mit Seths Sohn Enosh – sein Name bedeutet einfach «Mensch» – beginnt dann auch die Religion noch einmal neu und ganz von vorn: Der Gott des Tetragramms JHWH wird nun tatsächlich angerufen – als der Gott Abels, der sich der Religion Kains und des Imperiums versperrt (Gen 4,26).

Evas Intervention hat im Gefüge der Geschichte tiefgreifende Konsequenzen. Bislang ist immer noch Kain der Erstgeborene der Menschheitsgeschichte. Nach den Regeln patriarchaler Genealogie wird sich von ihm als universalem Stammvater die gesamte Gattung Mensch herleiten: zur Aggression anstatt zur Kooperation geboren. In der biblischen Diktion wäre dies das Ende, noch bevor alles angefangen hat. Mit der Geburt von Seth-pro-Abel greift Gott in den Selbstlauf der Zerstörung ein. In Genesis 5,3 erscheint nicht Kain, sondern Seth/Abel als Erstgeborener der Menschheit. Mit diesem Akt von «theo-genetic engineering» schreibt sich ein anderes Prinzip in das Genom des Humanen ein: survival of the unfit, das Recht der Schwachen. Der Kainiten-Stammbaum ist damit nicht ausgelöscht, aber mit Seth/Abel und Enosh/Mensch wird ihm ein anderes Prinzip «vorgeschaltet». Mit leicht veränderten Namen tauchen danach alle Abkömmlinge Kains wieder auf als Vorfahren Noahs, der nun der Sohn Lamechs ist. Aber Lamech singt keine Kriegslieder mehr, sondern redet über die Mühen und den Trost eines Ackerbauers (Gen 5,9–28).

Von nun an tragen wir als Menschheit beides in uns: Kain und Abel, das Gegeneinander und die Solidarität, das Recht des Stärkeren und das Recht der Schwachen. Die Bibel macht keinen Hehl daraus, dass wir das «selfish gene», das egoistische Gen, besitzen, aber sie besteht darauf, dass es uns nicht bestimmt. Seitdem wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben und Homo sapiens sind, wissende Menschheit, wissen wir um die Möglichkeit der Selbstzerstörung. Aber wollen wir wirklich wissen, was wir wissen? Können wir wissen wollen, dass die Lebensform, die wir durchaus als untragbar erkannt haben und verändern wollen, die Lebensadern des Planeten Erde unterdessen schon irreparabel abgeschnürt hat? Dass Babel als imperiale Zivilisation, der wir immer noch mit Haut und Haaren verhaftet sind, aller Voraussicht nach uns und die Lebensmöglichkeit der Gattung Mensch auf dem Planeten Erde unter sich begraben wird, zumindest in der jetzigen Form? Dass uns die Zeit ausgeht? Wo gibt es Handlungsspielräume zwischen Katastrophismus und Verdrängung?

Die Möglichkeit des Unmöglichen

Vielleicht müssen wir das Bibellesen wieder mehr üben. Aber anders als bisher. Als therapeutische Glaubenspraxis in gemeinsamer Trauerarbeit? Als Erziehung zu paradoxer Lebensbejahung im Angesicht, anstatt in der Verdrängung planetarischer Todesqualen? Die Bibel hat uns die jahrtausendealte Bearbeitung des Endes voraus. Möglicherweise haben wir nie so richtig verstanden, wie sehr ihre Texte und besonders auch ihre Zukunftsbilder von Endzeiterfahrung geprägt sind: Gegenbilder und Gegenwelten, nachdem die Welt untergegangen ist. Hört nicht schon in den ersten elf Kapiteln die Welt, wie mensch sie kennt, nicht weniger als dreimal auf zu existieren, als würde ihrem Schöpfer permanent im Hals stecken bleiben, was da durch das göttliche Wort ins Dasein gerufen wurde? Erst verjagt aus dem Paradies in ein unwirtliches Leben «post Eden», dann untergegangen, nein, jämmerlich ertrunken in den mitleidlosen Wogen der universalen Flutkatastrophe, schliesslich vertrieben aus der Selbstgewissheit der ersten imperialen Grossbaustelle in eine ungewisse Welt ganz woanders. Wer schreibt so?

Und dann: Abraham wird aufgerufen zum Aufbruch in die permanente Migration (Gen 12,1–3). Leben in einem Land, das einem nicht gehört, wo man nicht dazugehört, bis zuletzt nicht. Und als man es endlich in Besitz nimmt, gewaltsam und blutig, das gelobte Land von Milch und Honig (Josua 6), geht es schon bald wieder verloren, Stück für Stück. Salomon wird zum zweiten Pharao und das Reich bricht auseinander (1 Könige 12), seine Nachfolger im Norden und Süden verfolgen Machtpolitik anstatt Gerechtigkeit für die Kleinen, bis sie selbst den Mächtigeren und Grösseren zur Beute werden.

Und immer wieder ist man in der Wüste. Nach dem Exodus aus Ägypten: leben lernen mit stark eingeschränkten Ressourcen, unter Protest. Die Manna-Umerziehung dauert vierzig Jahre lang. Nicht mehr steht einem zu, als man wirklich zum Leben braucht. Sicherheit in gerechten und solidarischen sozialen Bezügen anstatt in Privatbesitz. Das Üben von Teilen und Umdenken, Metanoia: Johannes der Täufer ist wieder in der Wüste. Jesus, der den hungrigen Massen in der Einöde zu essen gibt, wo es eigentlich nichts gibt – ausser Zusammenbleiben und (Umver-)Teilen (Markus 6,30–44). Die ersten Jesusgruppen in Jerusalem, die Gemeinschaftseigentum praktizieren (Apostelgeschichte 4,32–37). Was sich hier in die Geschichte einschreibt, sind nicht alternative Lebensexperimente von Leuten, die «eigentlich» alles haben, sondern das Überlebenswissen von Menschen, denen alles verloren gegangen ist.

Die Bibel hat uns nie versprochen, dass es end-los so weitergeht wie bisher und sogar immer noch besser wird. Oder dass wir «die Welt» retten könnten. Nicht einmal uns selbst können wir retten, so wie es aussieht. Aber wenn wir Genesis 5,3 ernst nehmen, unsere Herkunft von Seth/Abel und Enosh/Mensch, die der Abstammung von Kain und Lamech vorgeschaltet ist: Vielleicht kann in diesem «unmöglichen» Zwischen-Raum, von Eva gegen alle biologische und historische Plausibilität geschaffen, die Möglichkeit des Unmöglichen dennoch offenbleiben. Die Möglichkeit, dem Rad der Zerstörung in die Speichen zu greifen. Die Möglichkeit Enoshs, der Menschwerdung des Menschen für den Mitmenschen und die Erde.

  • Brigitte Kahl,

    *1950, ist Professorin für Neues Testament am Union Theological Seminary in New York City. Zuvor lehrte sie im Bereich Bibel und Ökumene an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin. In den letzten Jahren forschte sie zur Paulus-Auslegung sowie ökologischer, imperiumskritischer und visueller Bibelinterepretation.